Forscherin innerer Landschaften
Über intuitives Malen, das Loslassen von Kontrolle und die Frage, ob das noch Kunst ist
Gestern fragte ich mich, ob ich verrückt geworden bin. Ich hatte aufgehört, mit dem Pinsel zu malen, und begann, die Farbe mit meinen Händen auf die Leinwand aufzutragen. Ich wollte sie nicht nur sehen, sondern sie berühren und körperlich erleben.
Es ging mir plötzlich nicht mehr darum, ein bestimmtes Bild zu erschaffen. Ich wollte mich eher wie eine Katze an der Leinwand reiben und dabei Spuren hinterlassen.
Und während ich das tat, tauchte die Frage auf: Ist das noch Kunst?
Malen ohne Pinsel und ohne Plan
Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Ich wollte die Spannung spüren, die entsteht, wenn ich mich dem Unbekannten nähere. Nicht auf ein fertiges Bild hinarbeiten, sondern improvisieren. Mich überraschen lassen. Auf das reagieren, was gerade vor mir entsteht.
Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre wie ein Wasserhahn, durch den das Wasser einfach hindurchfließt. Ich bin dann nicht diejenige, die alles macht und entscheidet. Ich versuche mich zu öffnen und zuzulassen, dass etwas durch mich hindurch auf die Leinwand kommt.
Aber sobald ich die Kontrolle abgebe, meldet sich mein Kopf:
Bin ich jetzt verrückt geworden?
Wie weit kann das noch gehen?
Heute schmiere ich Farbe mit den Händen auf die Leinwand – und was mache ich morgen?
Vielleicht kommt der Zweifel genau deshalb, weil ich nicht weiß, wohin mich diese Arbeitsweise führen wird.
Forscherin innerer Landschaften
Wenn ich vor einer Leinwand stehe, beginne ich meistens ohne festen Plan. Ich habe keine genaue Vorstellung davon, wie das Bild am Ende aussehen soll. Ich folge dem, was mir spontan einfällt. Einer Farbe, einer Bewegung oder einer Spur. Mich interessiert besonders das, was ich noch nicht kenne.
Dabei fühle ich mich wie eine Forscherin innerer Landschaften. Ich betrete sie ohne zu wissen, was ich dort finden werde. Manchmal frage ich mich sogar, ob es wirklich nur meine eigenen Landschaften sind.
Meine Bilder werden zu Aufzeichnungen dieser Reisen. Nicht zu genauen Landkarten, sondern zu Spuren von etwas, das während des Malens geschehen ist.
Ich kann diese Entdeckungen nicht planen. Ich kann nur aufmerksam sein und ihnen folgen.
Was geschieht, wenn ich die Kontrolle loslasse?
Beim intuitiven Malen gibt mein Kopf einen Teil seiner Kontrolle ab.
Genau das erfüllt mich am meisten. Das Malen kostet mich dann keine Energie – im Gegenteil: Ich bekomme Energie zurück.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr versuche, etwas Bestimmtes zu leisten. Ich muss weder eine bereits vorhandene Idee umsetzen noch beweisen, dass ich malen kann.
Ich darf spielen, ausprobieren und wieder verwerfen. Ich darf etwas tun, ohne schon zu wissen, wozu es gut ist.
Dabei entsteht ein Gefühl von Freiheit. Manchmal auch eine Verbindung mit etwas, das größer ist als ich. Etwas, das ich nicht erklären kann und vielleicht auch nicht erklären muss.
Handwerk, Stimme und Freiheit
In der Kunstschule zeichnete und malte ich Porträts, Stillleben und Aktmodelle. Ich lernte viel über Technik und Beobachtung. Die Motive waren vorgegeben und sollten möglichst realistisch dargestellt werden.
Trotzdem empfand ich diese Arbeiten damals nicht wirklich als meine Kunst.
Es fehlte mir darin etwas Entscheidendes: meine eigene Stimme.
Diese Stimme zeigt sich deutlicher in meinen Skizzenbüchern. Dort zeichne ich Erlebnisse aus meinem Alltag. Das Zeichnen hilft mir, meinen Tag zu verarbeiten und mit meinem Leben in Verbindung zu bleiben.
Aber auch dort arbeite ich anders als auf der Leinwand. Ich beobachte, denke und ordne. Ich habe meistens einen Plan und experimentiere weniger.
Was davon ist nun mehr Kunst?
Das technisch gelungene Bild?
Die persönliche Zeichnung im Skizzenbuch?
Oder das Gemälde, das ohne Plan und vielleicht sogar ohne Pinsel entstanden ist?
Muss ich überahupt wissen, ob es Kunst ist?
Ich weiß noch immer nicht genau, was Kunst ist.
Vielleicht entsteht sie aus einer Mischung von Können, Aufmerksamkeit, persönlicher Stimme, Spiel und Freiheit. Vielleicht kann all das in einem Kunstwerk vorkommen – muss es aber nicht.
Für mich ist Kunst im Moment vor allem ein Raum, in dem ich entdecken darf. Ein Raum, in dem ich nicht schon vorher wissen muss, was ich finden werde.
Der Zweifel begleitet mich dabei weiterhin. Vielleicht gehört er sogar zu dieser Reise.
Aber möglicherweise ist die Frage, ob das, was ich mache, wirklich Kunst ist, gar nicht die wichtigste.
Vielleicht reicht es zunächst, dass es mich lebendig macht.